Ab August 2026 tritt das Ganztagsförderungsgesetz in Kraft: Jedes Kind, das ab dem Schuljahr 2026/27 eingeschult wird, erhält einen Rechtsanspruch auf einen ganztägigen Betreuungsplatz – ein Anspruch, der bis 2029/30 auf alle Grundschulkinder ausgeweitet wird. Doch was dies für Schulen, Träger und Kommunen bedeutet, geht weit über eine Frage der Kapazität hinaus. Prof. Dr. Jessica Süßenbach (Leuphana Universität Lüneburg) und Annekathrin Schmidt (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, DKJS) haben im Expertinnen-Talk zum Thema Ganztagsbetreuung die entscheidenden Qualitätsfragen gestellt. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: Gute Ganztagsschulen scheitern selten an fehlenden Plätzen. Sie scheitern an fehlenden Strukturen, zu wenig Bewegung und an einem Verwaltungsaufwand, der an den falschen Stellen Zeit raubt.

Ganztagsschulen als Lebensraum – mehr als verlängerter Unterricht
Wer die Ganztagsschule lediglich als zusätzliche Unterrichtszeit begreift, verkennt sowohl das echte Potenzial als auch die eigentliche Herausforderung. Eine gute Ganztagsbetreuung verändert nicht nur den Stundenplan – sie verändert die gesamte Schulkultur. Kinder verbringen den Großteil ihres Tages in der Schule. Das macht die Schule zu ihrem sozialen Mittelpunkt: einem Ort, an dem Freundschaften entstehen, Neugier geweckt und Vertrauen aufgebaut wird.
„Wir brauchen den Ganztag bewegt – wir brauchen für Kinder einen Lebensort im Ganztag und nicht nur einen Lernort, der auf Stühlen stattfindet.“
Prof. Dr. Jessica Süßenbach, Leuphana Universität Lüneburg, Expertinnen-Talk
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Laut dem Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht erreicht der Großteil der Grundschulkinder nicht einmal das von der WHO empfohlene tägliche Bewegungspensum. Frontalunterricht am Vormittag, Hausaufgabenbetreuung im Sitzen am Nachmittag: Viele Ganztagsschulen reproduzieren das Problem eher, als es zu lösen. Eine ganztägige Betreuung bietet eine echte Chance, dies zu ändern – sofern Schulorganisation und Pädagogik zusammen gedacht werden.
Qualität vor Quantität: Der Rechtsanspruch als Bildungsversprechen
Der neue gesetzliche Anspruch auf Ganztagsbetreuung schafft Plätze – aber gute Plätze entstehen dadurch nicht automatisch. Qualifiziertes Personal ist Mangelware: Die Bertelsmann Stiftung schätzt, dass bundesweit bis zu 100.000 zusätzliche pädagogische Fachkräfte benötigt werden. Räumlichkeiten fehlen. Koordinationsstrukturen fehlen. Vor allem fehlt ein gemeinsames Verständnis darüber, was Ganztagsbetreuung eigentlich leisten soll. Annekathrin Schmidt benennt das Dilemma direkt:
„Ich sehe die größten Chancen für Förderung bei Kindern, die in benachteiligten Lagen aufwachsen. Das kann in Schule passieren. Gleichzeitig ist das ein riesengroßer Anspruch. Da haben wir das Qualitätsthema – aber beim Ganztag reden wir meist nur über Quantitäten.“
Annekathrin Schmidt, DKJS, Expertinnen-Talk
Das DKJS-Themenheft „Ganztag: Zeit für mutiges Handeln!“ (2025) bestätigt: Nur eine qualitativ hochwertige Ganztagsbetreuung baut soziale Ungleichheiten nachhaltig ab. Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren am meisten – aber nur dann, wenn Beziehungsqualität, ein klares pädagogisches Konzept und eine verlässliche Tagesstruktur zusammenkommen. Reine Quantität, so zeigt die Forschung, kann die Schere sogar noch weiter öffnen.

Bewegung über den Tag verteilt – das „Bewegungsband“ in der Praxis
Ein konkretes Modell zeigt, wie eine Ganztagsschule als Lebensraum aussehen kann: das Bewegungsband. Es verteilt Bewegung, Spiel und Sport rhythmisch über den gesamten Schultag – vom offenen, aktiven Schulweg am Morgen über bewegte Pausen bis hin zu strukturierten Nachmittagsangeboten. Sportunterricht nicht als isolierte Stunde im Plan, sondern Bewegung als roter Faden, der sich durch den gesamten Tag zieht.
Das Modellprojekt zur Ganztagsgrundschule von SPORT VERNETZT (Robert Bosch Stiftung / Leuphana Universität Lüneburg) erprobte diesen Ansatz an elf Grundschulen in sozial herausfordernden Lagen. Die Ergebnisse sind überzeugend: Bewegungsorientierte Schulentwicklung funktioniert. Sie verbessert nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Konzentration, das Sozialverhalten und das Wohlbefinden. Der entscheidende Faktor ist, dass Bewegung im Gesamtkonzept verankert und nicht einfach hintenangestellt wird (Schröder, Süßenbach & Kraus, 2025). Das setzt voraus, dass Schulen Zeiten, Räume und Personal verlässlich koordinieren. Eine ausführliche Erläuterung des Ansatzes von Jessica Süßenbach zur Integration von Sport im Ganztag finden Sie in unserem Infopaket.
Multiprofessionelle Teams: Schulen, Träger und externe Partner:innen zusammenbringen
Im Ganztag arbeiten Lehrkräfte, Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen und externe Partner:innen täglich zusammen – oft mit sehr unterschiedlichen Ausbildungen, Zuständigkeiten und Kommunikationskulturen. Was sich in der Theorie wie eine Bereicherung liest, ist in der Praxis regelmäßig eine Herausforderung. Annekathrin Schmidt bringt es auf den Punkt:
„Eigentlich braucht es das Zusammentun von allen, damit es gut gelingen kann. Dieses Arbeiten im multiprofessionellen Team ist nicht so voraussetzungslos, wie das vielleicht klingt – die Einrichtungen sind ja auch nicht gewohnt, mit externen Partnern zusammenzuarbeiten. Wenn das gelingt, das ist die hohe Kunst.“
Annekathrin Schmidt, DKJS, Expertinnen-Talk
Die Forschung bestätigt: Multiprofessionelle Zusammenarbeit entsteht selten von selbst. Sie braucht klar vereinbarte Rollen, gemeinsame Planungszeiten und vor allem transparente Kommunikationswege. Wenn Informationen über drei verschiedene Kanäle laufen, Raumbelegungen noch auf Papier erfolgen und Elternnachrichten im E-Mail-Postfach untergehen, scheitert Kooperation nicht am guten Willen. Sie scheitert an den entsprechenden Strukturen. Genau hier können digitale Tools für die Ganztagsverwaltung einen echten Unterschied machen.

Die goldene Regel: Ganztag aus der Perspektive der Kinder
Alle organisatorischen Überlegungen laufen auf eine Frage hinaus: Was erleben die Kinder eigentlich? Fühlen sie sich wohl? Werden sie gesehen? Haben sie Bezugspersonen, denen sie vertrauen? Annekathrin Schmidt formuliert einen Leitgedanken, der einfacher klingt, als er ist:
„Die goldene Regel lautet, den Ganztag aus der Perspektive der Kinder zu gestalten und starke Beziehungen zu pflegen – denn ohne Beziehung findet kein Lernen statt. Deshalb ist es so wichtig, dass alle Beteiligten einen Raum schaffen, in dem die Kinder ihren Tag mit Freude und Selbstwirksamkeit verbringen können.“
Annekathrin Schmidt, DKJS, Expertinnen-Talk
Beziehungsqualität entsteht nicht durch Verordnungen – sie entsteht durch Zeit und Kontinuität. Wenn Betreuungskräfte ständig wechseln, wenn Lehrkräfte vor lauter Verwaltung kaum Zeit für Präsenz haben, fehlt das Fundament für erfolgreiches Lernen. Gute Betreuung beginnt damit, Lehrkräften und Pädagog:innen Zeit für die Kinder zu geben. Und das wiederum erfordert, den administrativen Aufwand auf das Wesentliche zu reduzieren.
Digitale Ganztagsverwaltung: Struktur, die guten Unterricht ermöglicht
Eine gute Ganztagsbetreuung braucht ein organisatorisches Fundament. Die Realität an vielen Schulen sieht heute noch so aus: Betreuungsanmeldungen werden in Excel-Tabellen geführt, Raumbuchungen hängen als Zettel an der Tür, und die Elternkommunikation verteilt sich parallel auf diverse Apps und E-Mails. Das kostet täglich wertvolle Zeit und führt zu Fehlern, Doppelbuchungen und Missverständnissen – Zeit, die eigentlich in die Arbeit mit den Kindern fließen sollte. Seven Education bietet eine integrierte Plattform an, in der digitale Schulkommunikation und Ganztagsverwaltung ineinander greifen – eine Lösung, die alle wichtigen Prozesse zusammenführt:
Ganztagsverwaltung: Betreuungsangebote, Anmeldungen und Belegungen zentral verwalten – inklusive Schnittstellen zur Abrechnung
Raum- und Ressourcenplaner: Räume, Materialien und Geräte in Echtzeit buchen – Doppelbelegungen werden automatisch verhindert
Elternkommunikation: Nachrichten, Formulare und Rückmeldungen über eine sichere Plattform – ohne Medienbrüche und Informationsverlust
Kommunikation im multiprofessionellen Team: Klare Zuständigkeiten, messbare Workflows und weniger Abstimmungsaufwand für die Schulleitung
Schulen, die bereits mit der Plattform arbeiten, berichten vor allem von einem zentralen Vorteil: Zeitgewinn. Zeit, die in das fließt, worauf es wirklich ankommt – die pädagogische Arbeit mit den Kindern.
Fazit: Ganztag als Chance – wenn die Rahmenbedingungen stimmen
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist eine historische Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit. Kinder, die zu Hause weniger Unterstützung erfahren, können in der Schule aufholen – wenn die Qualität des Ganztags stimmt. Dazu braucht es mehr als nur Plätze. Es braucht Bewegung, echte Beziehungen, eine funktionierende multiprofessionelle Zusammenarbeit – und Strukturen, die gute Bildung ermöglichen, anstatt sie zu behindern. Ein digitales Schulmanagement ist dabei kein Luxus, sondern die Grundvoraussetzung.





