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Schulische Inklusion: Zusammenarbeit und Expertenpraktiken

Mehrere Expert:innen berichten aus ihrem Arbeitsalltag, wie sie Inklusion im Unterricht fördern.

5 MIN LESEZEIT

Schüler lernen gemeinsam im Klassenzimmer. Bild: Freepik

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Inklusive Bildung zielt darauf ab, allen Schüler:innen sinnvolle Lernmöglichkeiten zu bieten, indem Unterrichtsmethoden, Lerninhalte und Unterstützungsangebote an die Vielfalt im Klassenzimmer angepasst werden. Anhand der Perspektiven einer Lehrkraft, einer Sprach- und Sprechförderfachkraft sowie einer Schulpsychologin bzw. eines Schulpsychologen zeigt dieser Beitrag, wie verschiedene Fachkräfte zusammenarbeiten, um Bedürfnisse zu erkennen, Lernende zu unterstützen und die Zusammenarbeit mit Familien sowie Kolleginnen und Kollegen zu koordinieren. Trotz Herausforderungen wie begrenzten Ressourcen, großen Klassen und administrativen Belastungen betonen sie die Bedeutung von Teamarbeit, kontinuierlicher beruflicher Weiterbildung und dem gezielten Einsatz digitaler Technologien, um ein gerechteres und inklusiveres Bildungsumfeld zu schaffen.

Inklusion ist ein Konzept, das in der Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt, und auch das Bildungswesen bildet hier keine Ausnahme. Über Inklusion in der Bildung wird mehr denn je diskutiert, da sie weithin als Schlüssel dafür anerkannt ist, dass alle Schülerinnen und Schüler echte Chancen erhalten, zu lernen, zu wachsen und sich zu entfalten (Quelle: Diversity and equity: a global education challenge).

Darüber hinaus haben internationale Menschenrechtsrahmen das Recht aller Schülerinnen und Schüler auf Zugang zu hochwertiger Bildung gestärkt und Schulen dazu ermutigt, inklusivere Praktiken einzuführen. Obwohl die Fortschritte in den europäischen Ländern unterschiedlich ausfallen, zeigen die Daten ein wachsendes Engagement für die Integration aller Lernenden. In Deutschland besuchen beispielsweise mehr als 31% der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf Regelschulen. Das ist der höchste Wert seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland im Jahr 2009 (Quelle).

In diesem Artikel untersuchen wir, was Inklusion in der Bildung bedeutet, und laden mehrere Expertinnen ein, ihre Erfahrungen damit in ihrem beruflichen Alltag zu schildern. Diese Expertinnen sind:

  • Nerea Armenteros: Grundschullehrerin und Psychologiestudentin

  • Bàrbara Benavent: Spezialistin für Sprach- und Sprechtherapie

  • Celia Sancho: Pädagogische Psychologin und Grundschullehrerin

Participants in the webinar

Was ist schulische Inklusion und warum ist sie so wichtig?

Im Bildungswesen wird Inklusion als ein fortlaufender Prozess definiert, bei dem auf die Vielfalt der Schüler:innen eingegangen, jede Form von Ausgrenzung verringert und alle Lernenden dazu ermutigt werden, sowohl am Lernen als auch am Schulleben aktiv teilzunehmen.

Im weiteren Sinne umfasst die Förderung der schulischen Inklusion:

  • Das Erkennen und Abbauen von Barrieren, die dem Lernen der Schüler:innen im Wege stehen könnten.

  • Die Anpassung von Inhalten, Lehrmethoden und Lernmaterialien, um allen Schüler:innen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

  • Die Einbeziehung aller Mitglieder der Schulgemeinschaft – von den Schulleitungen bis hin zu den Familien –, um ein unterstützendes und inklusives Umfeld zu schaffen.

Die Förderung der schulischen Inklusion ist von zentraler Bedeutung, da sie die schulische, soziale und persönliche Entwicklung der Schüler:innen unterstützt und gleichzeitig zur Schaffung einer gerechteren Gesellschaft beiträgt (Ainscow, 2020).

Welche Rollen tragen zur schulischen Inklusion bei?

Die kurze Antwort lautet: Jede:r in der Schulgemeinschaft spielt eine Rolle. Bestimmte Berufsgruppen arbeiten jedoch besonders eng mit Schülerinnen und Schülern zusammen, die besondere Bildungsbedürfnisse haben.

Eine dieser Schlüsselrollen ist die der Klassenlehrkraft oder des Klassenvorstands. Wie Nerea Armenteros während des Webinars „La inclusión en los centros educativos: una mirada desde dentro erklärte, ist die Rolle des Klassenvorstands entscheidend, da er die primäre Bezugsperson für die Schülerinnen und Schüler darstellt und deren schulische, persönliche und soziale Entwicklung am engsten begleitet. Durch die tägliche Beobachtung im Klassenzimmer können Klassenvorstände Warnsignale – wie anhaltende Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeits- oder Organisationsprobleme oder Frustration bei bestimmten Aufgaben – erkennen und sich mit dem Lehrerteam und der Schülerberatung abstimmen, um die notwendigen Unterstützungsmaßnahmen einzuleiten.

Nerea betonte auch die Bedeutung der Kommunikation mit den Familien, um die Schülerinnen und Schüler auf ihrem gesamten Lernweg bestmöglich zu unterstützen.

„Schulen und Familien sind ein Team. Ein Team gewinnt oder verliert gemeinsam; eine Seite kann nicht verlieren, während die andere gewinnt. Wir müssen in allem an einem Strang ziehen.“

— Nerea Armenteros

Eine weitere wesentliche Rolle bei der Inklusion spielt die Logopädie. Wie Bàrbara Benavent im Webinar erläuterte, konzentriert sich ihre Arbeit auf die Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit Kommunikations-, Sprach- und Sprechschwierigkeiten, während sie gleichzeitig mit dem Lehrpersonal zusammenarbeitet, um Barrieren zu erkennen und die pädagogischen Maßnahmen entsprechend anzupassen. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin neu aufgenommen wird, beginnt der Prozess in der Regel mit der Überprüfung früherer Berichte und der Abstimmung mit der Klassenlehrkraft sowie der Schülerberatung. Darauf folgt eine erste Einschätzung, die Beobachtung, spezifische Evaluierungsinstrumente und einen feinfühligen Erstkontakt kombiniert.

„Dieser erste Kontakt sollte herzlich und nahbar sein, damit die Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie sich in einem sicheren und angenehmen Umfeld befinden.“

— Bàrbara Benavent

Das Webinar hob auch die wichtige Rolle von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen im Inklusionsprozess hervor. Wie Celia Sancho erklärte, spielen diese Fachkräfte eine Schlüsselrolle bei der Ermittlung und Bewertung der Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern, während sie gleichzeitig Lehrkräfte und Familien bezüglich der am besten geeigneten Unterstützungsmaßnahmen beraten. Durch Beobachtung, Diagnose und enge Zusammenarbeit mit dem Lehrpersonal entwickeln Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Interventionsstrategien, die individuell auf den jeweiligen Fall zugeschnitten sind.

„Was bei einem Kind funktioniert, hilft dem Sitznachbarn vielleicht überhaupt nicht, selbst wenn dieser dieselben Bedürfnisse hat. Deshalb bestehen viele Unterstützungsmaßnahmen darin, verschiedene Strategien auszuprobieren und sie basierend auf der Reaktion des Kindes anzupassen.“

— Celia Sancho


Teacher helping a student. Image by Freepik.

Aktuelle Herausforderungen der schulischen Inklusion

Auf die Frage nach den Herausforderungen im Alltag wiesen alle drei Expertinnen auf mehrere Faktoren hin, die das Erreichen einer wirklich inklusiven Bildung erschweren. Zu den von ihnen genannten Hauptherausforderungen gehörten:

  • Mangel an personellen Ressourcen: Vielen Schulen fehlt es an spezialisiertem Personal (Sonderpädagog:innen, Schülerberater:innen, Logopädie-Fachkräften oder Stützkräften), um alle Schülerinnen und Schüler angemessen zu unterstützen.

  • Große Klassen: Das hohe Verhältnis von Schüler:innen zu Lehrkräften erschwert eine wirklich individuelle Betreuung.

  • Übermäßige Bürokratie: Administrative Abläufe und die Menge an Dokumentation, die für die Umsetzung bestimmter Unterstützungsmaßnahmen erforderlich sind, verzögern oft die Intervention.

  • Eingeschränkte Sachressourcen und Diagnostikinstrumente: Manchen Schulen fehlen die notwendigen Ressourcen oder standardisierten Testverfahren, die für eine umfassende Diagnostik erforderlich sind.

  • Bedarf an Fortbildungen für Lehrkräfte: Einige Lehrkräfte haben das Gefühl, nicht ausreichend darauf vorbereitet zu sein, flexibel auf spezielle Bildungsbedürfnisse einzugehen.

  • Herausforderungen bei der Zusammenarbeit mit Familien: In manchen Fällen kann das Fehlen einer Diagnose oder die Sorge vor einer Stigmatisierung dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler weniger Unterstützung erhalten.

Insgesamt führen Personalmangel, übermäßige Bürokratie und große Klassen oft dazu, dass den Spezialist:innen weniger Zeit für die Schülerinnen und Schüler bleibt, als sie gerne hätten. Auf die Frage, was sie tun würden, wenn sie mehr Zeit hätten, waren sich alle drei einig, dass sie sich in erster Linie darauf konzentrieren würden, die individuelle Förderung zu stärken, sich mehr Zeit zu nehmen, um zu verstehen, wie jedes Kind lernt, und die Aktivitäten an dessen Tempo und Bedürfnisse anzupassen.

Sie hoben auch die Bedeutung der Erstellung personalisierterer Materialien und der Arbeit in Kleingruppen hervor, da dieser Rahmen es erleichtert, Schwierigkeiten zu erkennen, Gelerntes zu festigen und eine engere Begleitung zu bieten. Zudem merkten sie an, dass mehr Zeit die Abstimmung zwischen Lehrkräften und Fachkräften verbessern würde, was für eine einheitlichere und wirksamere pädagogische Arbeit unerlässlich ist.

Technologie als Werkzeug für Inklusion

Trotz der Herausforderungen, mit denen Fachkräfte im Alltag konfrontiert sind, waren sich alle drei Expertinnen einig, dass Technologie eine wertvolle Unterstützung sein kann.

Während des Webinars hoben sie hervor, wie digitale Werkzeuge die Schülerbeobachtung, die Organisation und die Kommunikation zwischen Lehrern und Familien erleichtern. Diese Tools machen es einfacher, Beobachtungen festzuhalten, Interventionen abzustimmen und relevante Informationen zwischen den beteiligten Fachkräften auszutauschen.

Technologie kann auch direkt das Lernen im Klassenzimmer unterstützen. Digitale Ressourcen, interaktive Materialien und visuelle Hilfsmittel können dazu beitragen, Inhalte anzupassen, Erklärungen zu veranschaulichen und die Barrierefreiheit zu verbessern – insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit speziellem Förderbedarf.

Die Teilnehmerinnen betonten jedoch, dass Technologie als unterstützendes Werkzeug und nicht als Ersatz für Lehrkräfte gesehen werden sollte. Ihr wahrer Wert liegt darin, die pädagogische Praxis zu ergänzen und zu bereichern.

Blick in die Zukunft: Wesentliche Stärken für eine inklusive Bildung

Zum Abschluss der Diskussion fragten wir die Referentinnen, welche Eigenschaften ihrer Meinung nach heute für die Förderung der Inklusion an Schulen unerlässlich sind. Zu den wichtigsten Stärken, die sie hervorhoben, gehörten:

Inklusive Denkweise

Anzuerkennen, dass Diversität der Normalfall in jedem Klassenzimmer ist, und verschiedene Wege beim Unterrichten zu suchen, damit alle Schülerinnen und Schüler teilhaben und lernen können.

Flexibilität

Lehrmethoden, Aktivitäten und Leistungsbeurteilungen so anzupassen, dass sie den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden.

Motivation und eine proaktive Haltung

Das Engagement für Verbesserungen aufrechtzuerhalten und kontinuierlich nach besseren Wegen zur Unterstützung jedes Lernenden zu suchen.

Kontinuierliche berufliche Weiterbildung

Sich ständig über Förderbedarfe sowie verschiedene Lernbesonderheiten oder Entwicklungsstörungen weiterzubilden, um der Vielfalt im Klassenzimmer professioneller begegnen zu können.

Empathie

Schülerinnen und Schüler durch einen respektvollen und wertschätzenden Ansatz zu verstehen und zu unterstützen.

Teamarbeit

Die Zusammenarbeit von Lehrkräften, Fachkräften, dem Beratungsteam und den Familien, um eine stimmige und wirksame pädagogische Begleitung zu gewährleisten.

Reflektieren Sie über Inklusion mit Nerea, Bàrbara und Celia

Haben Sie das Webinar über schulische Inklusion verpasst? Sie können sich die Aufzeichnung ansehen und aus erster Hand die Perspektiven einer Klassenlehrerin, einer Sprachtherapeutin und einer pädagogischen Psychologin darüber hören, wie sie die Inklusion von Schüler:innen unterstützen. Die Aufzeichnung ist nur auf Spanisch verfügbar.

Quellen

Additio App (2026, 11 de febrero). La inclusión en los centros educativos: una mirada desde dentro [Webinar]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=vOSrQfKsYU4

Ainscow, M. (2016b). Diversity and equity: a global education challenge. New Zealand Journal DOI: https://doi.org/10.1007/s40841-016-0056-x

Inklusion bleibt an vielen weiterführenden Schulen ein Fremdwort. (2024, February 7). Bertelsmann-stiftung.de. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2015/september/inklusion-bleibt-an-vielen-weiterfuehrenden-schulen-ein-fremdwort/

Ainscow, Mel. (2020). Promoting inclusion and equity in education: lessons from international experiences. Nordic Journal of Studies in Educational Policy. 6. 1-10. 10.1080/20020317.2020.1729587. https://www.researchgate.net/publication/339692750_Promoting_inclusion_and_equity_in_education_lessons_from_international_experiences

Simón, Cecilia, Giné, Climent, & Echeita, Gerardo. (2016). Escuela, Familia y Comunidad: Construyendo Alianzas para Promover la Inclusión. Revista latinoamericana de educación inclusiva, 10(1), 25-42. https://dx.doi.org/10.4067/S0718-73782016000100003

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    Ivet

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